Gespeichert

 

Im Schatten der globalen Netze,

vermehren sich die leeren Sätze,

aus wahren Lügen geht hervor,

perfides Summen senkt ins Ohr,

Utopien, die den Sinn verzehren,

Fortschritten ihr Ziel verwehren,

Los der Welt auf Schirm gebannt,

Totgeburt reift beim Versand,

Übermaß begrenzt die Vielfalt,

zu viel Masse aufs Gehirn prallt,

gekappter Reiz der Flüchtigkeit,

immer neues Link verzweigt.

 

 

Beim Hinausgehen

 

(ich hätt' es lieber lassen sollen!)

wagte ich noch einen Blick zurück:

du, unter all den Omas und Opas

zusammengesunken auf deinem Stuhl

knochenbleich und dement

ohne zu wissen wieso

ohne zu wissen weshalb.

Am jenseitigen Ende des Saals

zwei Schaufensterpuppen

ausgestanzte Plastikfratzen

das sinnlose Lächeln zielend

über die ergrauten Köpfe hinweg

und ich, jäh getroffen, dachte an

zahllose Tage und Nächte

dem Verständnis entzogen

unbegreifliche Mimikry

Randzone des Bewusstseins 

Schemen unter lauter Schemen.      

 

 

Jesus, heute

 

Wenn die Scheinwerfer auf ihn

fielen, was würde Jesus predigen

wollen, und falls eine wirre Menge

unsichtbar und gierig auf Lauer

läge im Gott-Medium Internet?

 

Die Ringe eines Baumes zögen

sich um sein Herz, um Jahre

im Voraus den Tod zu ersehnen

in einem einzigen sprachlosen

Gebet an ferne Stille gerichtet.

 

Sein Antlitz sähe er schwinden

auf einen roten Punkt der unter

Millionen Bildschirmen leuchtet

im Modus Standby und nur die

Tierwelten ergäben noch Sinn.

 

Darin verweilen! in diesem Atem

aller Katzen zusammengerollt bis

zum Jüngsten Tag, altersschwach

vergehen bis niemand ihn vermisst

und das Wort endgültig verklingt.

 

 

Geister

 

Hockst du vor dem Café am Trafalgar Square

oder ein anderer?

Unter der Farblosigkeit eines 

wolkenverhangenen Nachmittags laufen

Leute über das Trottoir

zielstrebig mit geübter Nonchalance

jeder auf seinem eigenen Trip

zwanzig Grad überm Gefrierpunkt

gurrende Tauben und der Schädel

von einem Zwiespalt umkreist.

Am maroden Faden baumelt

dein Verstand seit frühen Jahren

an ausgestopften Tagen ohne Aufbegehren

vom Wissen geplagt, ein substanzloses Leben

über Programme und Rituale definiert

eine Tour auf Schienen

planmäßig die Enge durchmessend

Entgleisung als einzige Möglichkeit

ins Dasein auszubrechen

 

---------------------Zerbröckelung

                  der----------------------------------

----------------------------------------Person

 

"Ist der Platz noch frei?"

fragt eine Stimme aus nächster Nähe

und du hebst die Stirn

aufgeschreckt aus dem Befremden

und plötzlich - in den Gedanken des anderen -

findest du dich wieder, zweigeteilt mitten 

im Außerhalb inmitten zweigeteilt.

 

 

 

 

 

Endlos endlich, Erzählung

 

In derselben Gasse des alten Arbeiterviertels „Vesterbro“, in der ich seit einigen Jahren wohne, lebte einst die Dichterin Tove Ditlevsen. 1943 hat sie ihre barschen Kindheitserinnerungen aus den Dreißiger Jahren in dem Roman „Straße der Kindheit“ festgehalten. Eine Strophe aus dem gleichnamigen Gedicht „Barndommens gade“ lautet wie folgt: Jeg gav dig de vagtsomme øjne / på dem skal du kendes igen / og møder du en med det samme blik / skal du vide han er din ven.

Ich gab dir die wachsamen Augen / die dich zu erkennen geben / triffst du dereinst auf denselben Blick / wirst du wissen, er stammt von ähnlichem Geschick.

Kaum 200 Meter von meiner Wohnstätte entfernt befindet sich ein unscheinbarer Platz, der kürzlich in „Tove Ditlevsen Plads“ umbenannt worden ist. Hier geben sich die gescheiterten Existenzen ein Stelldichein. Die Entgleisten und Verwundeten; auch die Trauernden oder wegen einer Lebenswillkür Verwunderten; die Verlorenen im Diesseits, die Gefallenen aus dem Abseits; die zerfaserten Geister und die in ihren Gefühlsregungen Wahrhaftigen. Hin und wieder auch die unverschuldet Glücklichen.

Entweicht inmitten flüchtiger Gesten ein Zeichen der Nähe, oder dringt ein Blick aus der Zentrifuge dunkler Gedanken, schwingt ein aufrichtiger Ton unter ihren derben Worten, dann erst wird etwas Wesentliches erkennbar. Dennoch gehöre ich nicht dazu, ich lehne nicht mit einer Flasche Bier in der Hand gegen eine Hauswand. Zu viele leere Phrasen, zu viele falsche Fährten, die ins Nichts führen. Sie geben noch vor zu treiben auf dem Strom der Gegenständlichkeit, untergehend mit der Ambivalenz. Indes die Stimmen ringsumher der Worte willen große Wirbel erzeugen. Das Unwesen unter der Oberfläche hält sich bereit und die Menschen als Teil davon umschlossen. Erst wenn sie aus Atemnot die gespiegelten Flächen durchbrechen und sich Räume verschaffen, indem sie dem Anschein keine Bedeutung mehr beimessen, wirken sie echt in ihrer Ausweglosigkeit.

 

Unverfälschte Augenblicke, Spuren hinterlassend auf einer Bühne, nachdem der große Firlefanz längst weitergezogen ist. Die Intimität der Gegenwart mit wenigen zu teilen. Diejenigen sind es, die noch verharren vor der Kraft lyrischer Stille, obwohl die Unterhaltungsindustrie den Überfluss wie bunt bemalte Totems preist. Manch einer löst sich langsam auf, unter der Ernsthaftigkeit, zweckgebunden, und dem Größenwahn eines fliegenden Clowns, als Identität geschminkt. Wir lösen uns ein: die Würde im Zuge manischer Bevormundung, dem Kleinbeigeben zahnloser Marionetten, strampelnd von klein an. Die praktische Lösung liegt mittendrin; man ist weder an eine kühle Konsequenz gebunden noch erlöst von lustvoller Gier nach Hitze, fesselnd durchwirkt von ihr. Ein verlogener Vers, der sich bekennt zur Ambivalenz, doppelsinnig, doch einseitig sein Gegenstück beweist, um dieses zu erlösen.

 

 

 

 

W.E.L.T., Thriller

 

Die Dame aus Valby lag einem Walross ähnelnd auf dem Operationstisch, die ´Niere´ schlurfte eine Tasse heiße Kakaomilch in der Cafeteria, und Kenneth, der Krankenpfleger, schlüpfte unbemerkt in das sturmfreie Krankenzimmer. Unter Svetlanas makaber zugerichtetem Äußeren vermutete er die Erfüllung seiner erotischen Fantasien, ihr momentanes Unvermögen, komplett verständliche Sätze zu formulieren, übte einen unwiderstehlichen Reiz auf seine Libido aus. Zum Beschützerinstinkt gesellte sich ein maskuliner, selbstherrlicher Besitzanspruch und nährte den Glauben an ein Arrangement zu seinen Gunsten. Elektrisierende Triebe fütterten seinen Schädel mit Impulsen, seine Vorstellungskraft schnürte ein magisches Paket, das verheißungsvoll unter dem Tannenbaum lag: Svetlana.

Die Realität dahingegen spielte seinem Wunschdenken einen kuriosen Streich, irgendetwas raubte der dargebotenen Szene seine magische Note. Die gebogenen Metallschrauben, die anstelle des Maulkorbs aus ihren Wangen ragten, wirkten zu gleichen Teilen Lust hemmend und außerordentlich verstörend. Andererseits stand Svetlana noch unter dem Einfluss schmerzstillender Opiate, ans Bett genagelt durch ein pharmazeutisch generiertes Delirium.

Sein Herz schlug immer höher. Vom Fußende ausgehend, schob er ihre Zudecke die Beine aufwärts bis zur Bauchgegend, dieselbe Prozedur wiederholte er mit ihrem Nachthemd, sodass ein türkisfarbener Slip und die Vertiefung ihres Bauchnabels zum Vorschein kamen. Nunmehr war ihr verunstaltetes Gesicht hinter einem aufgeworfenen Textilwall verborgen. Er zwängte seine Finger unter den elastischen Saum ihrer Unterhose und ließ sie mit einer raschen Abwärtsbewegung über ihre Beine gleiten. Da war sie, von Schamlippen umkränzt, magisch und verpönt, verboten und gekrönt von einem Dreieck dunkelblonder Haare. Zwei straffe Oberschenkel wiesen den Weg, genießerisch schob er Svetlanas Beine auseinander und tauchte hinab in den wärmenden Schoß. Seine Zungenspitze leckte über das purpurfarbene Fleisch, schmeckte einen Cocktail aus Schweiß, Sekret und Urin. Er vergaß die Welt im Allgemeinen und das Krankenhaus im Besonderen und verschaffte seiner pochenden Erektion den erforderlichen Freiraum.

Sie waren ganz allein, ihre süße Vagina und er, eine Ekstase ohnegleichen.

Aus heiterem Himmel flog die Tür auf, bärenstark und breitbeinig, die Fäuste zu Schraubstöcken geballt, stampfte ein kurios gekleideter Mann über die Schwelle. Svetlanas Tau tropfte von Kenneths Nase, als er erschrocken den Kopf hochriss und seinem Untergang ins Auge blickte.

„Was zum Teufel! Was machst du da, du Dreckschwein!“, rief Freddy im Bemühen, seinem Fassungsvermögen auf die Sprünge zu helfen. Ungläubig starrte er auf das sabbernde Spektakel.

„Ich werd nicht mehr! Was geht in diesem Scheißkrankenhaus vor sich?!!“

Aufgeschreckt sprang Kenneth auf die Beine, sein Penis federte verräterisch im Zimmer auf und ab; jeder Erklärungsversuch war zum Scheitern bestimmt.

Trotz allem setzte er zu einer kläglichen Rechtfertigung an: „Es geht darum, dem Patienten, ähm, eine bestmögliche Entspannungshilfe zu bieten, ja, deshalb hat Svetlana mir, ähm, im gegenseitigen Einvernehmen versteht sich, hat mir die Erlaubnis er... “

Den Schädel senkend, hechtete Freddy wie ein Rammbock über das Bett und er torpedierte mit aller Macht Kenneth Brustkasten. Ein irrer Ballettmeister inszenierte eine Abfolge von brachialer Gewalt, als zuerst der Nachttisch scheppernd unter Kenneth Oberkörper zerbarst, woraufhin Freddy eine halbe Drehung vollzog und den Heizkörper knirschend aus der Verankerung riss.

„ICH MACH DICH FERTIG!“, schrie er außer sich vor Zorn. „DU BIST HAIFISCHFUTTER, ALTER! ICH REISS DIR DEN ARSCH AUF!“

„Bist du das, Freddy?“, stöhnte Svetlana, von Tabletten umnebelt. Die Verschraubungen in ihrem Kiefer spalteten peinigend das Nervengewebe  niemand nahm Notiz von ihrem Leiden.

Von dem Adrenalinschub hoch gepeitscht, gab Freddy erneut Vollgas; er umfasste Kenneths Schädel und hämmerte ihn wieder und wieder gegen die Zimmerwand, bis ein roter Fleck das Aufbrechen seines Schädels signalisierte.

„SO, DA HAST DU'S!“

Als Nächstes zersprang die Fensterscheibe zu Myriaden funkelnden Kristallen, Kenneth lebloser Körper flatterte aus dem zweiten Stock des Krankenhauses und landete inmitten einer idyllischen Insel aus Brombeergesträuch. Eine Woge aus tosendem Schmerz überschwemmte ihn, angsterfüllt dachte er an seinen abgerissenen Penis. Dann verlor er das Bewusstsein und seine Wesenheit fiel der Nichtexistenz anheim. 

 

 

 

 

Ins ungewisse Sein, Roman

 

Die konspirative Frage kam von der Hakennase, die sich zu ihm an den Bistrotisch gesellt hatte: „Na Alter, schon mal gekifft?“

Geheimnisumwitterte Pfade, die von der breitspurigen Normalität abwichen, gar zu gesellschaftlicher Ächtung führten, schlug er traumwandlerisch ein.

„Klar“, log Walter, nahm den Joint entgegen und begann beiläufig zu inhalieren.

Dichte Rauchschwaden schwebten über den Tischen, in den Regalen schimmerndes Neonlicht auf bunten Flaschen, palavernde Leute wohin das Ohr horchte; ein Ausruf, der das niederprasselnde Geschnatter durchstieß: „Tiiiief einaaatmeeen!“

Seine Backen blähten sich, die Lungenflügel drohten zu zerplatzen, ein Moment ging aus einem anderen Moment hervor ... unversehens ergriff etwas Eigenartiges von ihm Besitz, eine Veränderung umschloss die Herzkammer seines Bewusstseins.

Bilderschwälle, wie Milch gerinnend, verlangsamte Impulse, umgestülpte Dimensionen – elastischer Geräuscheschwamm, überquellendes Gedröhn, schallende pulsierende Klänge, wogende, brummende Bässe – hypnotisierendes Wummern, geballtes Brodeln und Gebrause, helles Gläserklirren, stumpfe Töne – gläserne Helligkeit, koboldhaftes Frauenlachen, Gerede zerredet, herrenlose Stimmen, murmelndes Gemurmel – und dann noch etwas ... (?) ... etwas darüber hinaus, eine Verlautbarung, ein Insistieren unbekannten Ursprungs, drang auf ihn ein, ineinander ruhende Fragmente, Ahnungen, Vernetzungen – Fremdes vertraute sich, fand Zugang, Repetition einer akustischen Struktur: „Waaheiiss-d-du-uu-wiiehh-spääät-t-sss-issss?“

Vor seiner Stirn materialisierte sich eine Gestalt aus der Vielfalt, wuchs überraschend buchstäblich in die Höhe, am oberen Ende schaukelte ein grell geschminktes Clownsgesicht. Äonen ohne Anfang verstrichen, ehe er auf seiner Armbanduhr die Zeit abgelesen und in zähen Tönen verkündet hatte. Verkündet! Seine Stimme klang, als stiege sie leiernd aus seiner tiefsten Mitte empor. Die Züge verzerrt, das Grinsen erstarrt, bedankte sich das skurrile Dingsbums, und entschwand auf unerforschlichen Pfaden, weit jenseits des Ereignishorizonts.

Da bemerkte er, am Rande seiner Fiebrigkeit, dass der Raum gespickt war mit hundert Pupillen. Äugende Augen im Kaleidoskop, ein Meer von Blicken, durchdringende, spöttische, verwunderte Blicke. Das Auge der Zeit, weit aufgerissen, zugleich verwoben mit dem ewigen Strom. Gezeiten, schwer lastend, in wiederkehrende Schleifen gebannt, mittendrin ein explodierendes Gelächter:

„HEHEHE, GANZ SCHÖN BREIT, WAS ALTER!?“

Hakennase fletschte die Zähne, ihre Hakennase wurde noch etwas krummer. Walter beabsichtigte, verneinend den umwölkten Kopf zu schütteln, doch die Intention verpuffte im Ansatz der Bemühung. Wirre Empfindungen quollen losgelöst aus seinem Schädel, projizierten sich auf das Phänomen der Wahrnehmung; er hockte da, aufgrund des Dahockens magnetisch an den Stuhl gefesselt.

Zu fortgeschrittenem Zeitpunkt, als die Reihen der Gäste sich lichteten, spähte sein ICH (Persönlichkeit? Image? Gedankengut?) aus dem Muster der Denkimpulse hervor, automatisch verliefen Reaktionsvermögen und Reflexionsfähigkeit in unbewussteren Bahnen. Er kam aus dem Staunen wieder heraus, sah sich imstande, aller Schwerkraft zuwider, die hermetische Starre abzuschütteln.

Sein Tischnachbar, von aufwallender Inbrunst beseelt, ließ derweilen Folgendes verlauten: „Siehste die beiden Perlen dort drüben? Die kenne ich! Richtige Zuckerpüppchen.“

Seite an Seite saßen zwei Mädchen auf hohen Hockern an der Bartheke, vor ihnen schlanke Gläser mit bläulich glühender Flüssigkeit. Blondierte Locken hüben, rot schimmernde Mähne drüben, aufmunterndes Mienenspiel, von lasziven Gesten begleitet. Hakennase gab Zeichen! Heißlaufende Gedanken, Frühlingsgefühle, Gerangel am Tisch! 

 

 

 

 

Kuckucksei-Syndrom, Roman

 

Hildegard Bürstensteif hegte nicht den geringsten Zweifel, dass ein verachtenswerter Unhold sie gekidnappt hätte, um einerseits Bargeld zu erpressen und andererseits sein Opfer sexuell gefügig zu machen. Letzteres mit Hilfe von Hypnose oder durch Verabreichung harter Drogen, denn nur so ließ sich erklären, weshalb der Hergang des abscheulichen Verbrechens aus ihrer Erinnerung getilgt war. Und einzig ihrer eisernen Willenskraft und ihrem spontanen Einfallsreichtum - man denke bloß an den falschen Bart! - wäre es zu verdanken gewesen, dass sie am helllichten Tag jenem lüsternen Entführer entkommen konnte. Zu welchen Gräueltaten ein Mann befähigt war, das hatte sie vor etlichen Jahren am eigenen Leib erfahren müssen; ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Anflug von weiblicher Schwäche, und - schwupps - hatte sie auf der Matratze gelegen, und es war um ihre Ehre geschehen gewesen. Diese Schande, diese unerträgliche Schmach, noch heute schauderte ihr bei der Erinnerung an den groß gewachsenen unbekannten Herrn, noch immer verpestete der Modergeruch des Gewölbes ihre Träume. Neun Monate später war das Ergebnis dieses unseligen Tete-a-tetes zur Welt gekommen, der Hannes! Zu keiner Zeit hat sie daran gezweifelt, dass der Junge den Keim der Verderbtheit zwangsläufig in sich trug, die jüngsten Geschehnisse hätten es eindeutig unter Beweis gestellt: mit praller Hose war er durch die Straßen der Innenstadt gehechelt, diesem raffinierten, blond gelockten Weibsbild hinterher. O ja, Hildegard hatte es längst kommen sehen, irgendwann müsse die wahre Natur des Burschen aus ihm herausbrechen wie aus einem Kuckucksei, um das zu bestätigen, was sie am meisten verachtete, nämlich die Macht der Triebe. Nicht ohne Grund hatte es gegolten, diesen Keim in Hannes zu ersticken, seine Geschicke zu lenken und den Willen des Jungen hintan zu halten. Bedauerlicherweise aber hatte sie versagt, waren ihre guten Absichten über das Ziel hinausgeschossen. Auch ihr Hannes hatte sich zu einem vulgären, hormongesteuerten Liederjan entwickelt, einem Mannsbild von närrischem Gehabe auf der Jagd nach sinnlichen Genüssen. Dabei hatte sie sich immerzu aufrichtig bemüht, einen zweiten Karl Johann zu erschaffen, indem sie das Andenken an ihren verstorbenen Gatten bedingungslos ehrte, denn sie wollte Wiedergutmachung leisten, sehnte sich danach, den einzigen Fehltritt ihres Lebens auszumerzen. Das Schicksal aber hatte sie betrogen, weil sie für den eigenen Betrug ebendieses Schicksal nicht verantwortlich machen konnte. In ihrem Streben nach Keuschheit als einzigen Heilsweg war sie zur Teufelsaustreiberin geworden, eine Exorzistin, die in Wahrheit selbst die Besessene war, besessen von einer Schuld, die keine Möglichkeit auf Sühne zuließ. Hannes war zur Inkarnation ihrer Sünde herangewachsen, zum wiederkehrenden Fluch und ahnungslosen Auslöser ihrer Ohnmacht.  

  

 

 

 

Der arme Poet, Kinderbuch

 

Marius hielt es für ratsam, das Futter in kleineren Portionen zu servieren. Er stellte der Katze einen Teller mit Tunfischstückchen vor die Nase. Sie schlang alles hinunter. Er kam mit einem Wiener Würstchen herbei. Sie putzte es weg. Ein Haufen Frikadellen verschwand ebenso im Rachen des Vielfraßes wie eine Familienpackung Mailänder Salami. Die Katze fraß und fraß.

Endlich bekam es Marius mit der Angst zu tun. „Jetzt ist aber Schluss.“ Anstatt ihm Dankbarkeit zu zollen, knurrte die Katze voller Gehässigkeit. Einmal mehr fing sie an, sich das Fell zu putzen, und es dauerte gar nicht lange, da lag sie zusammengerollt auf dem Sofa und war in Schlaf versunken.

Ausnahmsweise sehnte sich Marius nach einem nachbarlichen Ratschlag. Deshalb ging es hinüber zu Didi Dudeldecker, um ihm die sonderbaren Vorfälle zu schildern. Auf Didis ausführlichen Wunsch hin, beschrieb er das Aussehen des Tieres bis ins kleinste Detail. Sämtliche Farbe wich aus Didis Gesicht. „Bist du wahnsinnig geworden!“, entfuhr es ihm.

Marius verstand kein Wort. „Wieso?“

„Hast du Unglücksrabe überhaupt eine Ahnung, was du dir da ins Haus geholt hast?“ Didi bemerkte Marius belämmerte Miene und stellte fest: „Offenbar nicht. Es handelt sich bei dem Tier keineswegs um ein süßes, kleines, schnuckeliges Kätzchen, ganz im Gegenteil: Wir haben es hier mit einem ausgebufften, mit allen Wassern gewaschenen Exemplar der Gattung „Furchtbare Faultiere“ zu tun.“

Furchtbare Faultiere? Davon hatte Marius noch nie im Leben gehört.

„Du hast dich ganz schlimm übers Ohr hauen lassen, alter Junge. Durch einen miesen Trick hat sich das Biest Zutritt in dein Heim verschafft. Es hat an dein Mitleid appelliert und deine Naivität ausgenutzt. In der Tat sind furchtbare Faultiere hochintelligente Lebewesen, sie haben allerdings nur eins im Sinn: fressen und schlafen.“

Davon konnte Marius bereits ein Liedchen singen. „Sogar meinen Wichtel hat es auf dem Gewissen.“

„Wundert mich, dass du noch Haare auf dem Kopf hast.“

„Na warte, du Faultier!“, grollte Marius. „Das Biest setzte ich schleunigst wieder vor die Tür!“

„Nicht so voreilig!“, beschwor Didi und hielt Marius am Arm fest. „Genau da liegt ja das eigentliche Problem: Es ist so gut wie unmöglich, ein furchtbares Faultier wieder loszuwerden.“

„Und wieso das? Na, das wollen wir ja mal sehen!“

„Halte ein und lass mich zu Ende reden! Die Monster stehen unter absolutem Tierschutz. Verstehst du? Dein Faultier würde ganz einfach behaupten, du hättest es ausgesetzt. Und in gewisser Weise würde das sogar zutreffen.“

Marius schnappte nach Luft. „Unerhört! Zuerst hat sich das Tier Zutritt in mein Heim verschafft, danach hat es gefressen wie ein Scheunendrescher, anschließend mein Sofa in Beschlag genommen und mir unentwegt die Ohren voll geschnarcht. Ganz zu schweigen von dem Überfall auf meinen Wichtel!“

„Kannst du all das dem Tierschutz beweisen?“, gab Didi zu bedenken. Nach einer kurzen Pause schlug er vor: „Komm, lass uns in die Küche gehen, wir haben noch eine Menge zu besprechen.“

 

Am Küchentisch heckten die beiden einen klugen Plan aus, den sie „Faultier-vergraul-mir“ nannten.

„Du musst alles tun, damit das Untier freiwillig Leine zieht“, hielt Didi fest. „Das Beste wird sein, einen ungebändigten Krawall zu veranstalten, das Faultier darf auf keinen Fall ein Auge zumachen! Es darf auch nichts mehr zu Fressen kriegen, damit es irgendwann von allein aus den Latschen kippt. Nur so kannst du es wieder loswerden.“

Marius machte keinen glücklichen Eindruck.

„Kopf hoch, früher oder später wird sich das Faultier schon davonmachen und es bei einem anderen Trottel versuchen.“

Marius fragte beleidigt: „Aus welchem Grund weißt du eigentlich so viel über die furchtbaren Faultiere?

Didis Gesicht war ein einziges Erröten. „Offengestanden, ich habe mich selbst mal von einem Faultier aufs Kreuz legen lassen.“

Marius hatte genug gehört, er erhob sich und wandte sich zum Gehen.

„Lass das Faultier niemals aus den Augen“, mahnte Didi zum Abschied. „Hörst du? Niemals.“